PIRSCH MIT DER KAMERA

Im Herbst 2017 lud mich ein Freund ein, ihn auf die Bündner Hochjagd zu begleiten. Da es als Nicht-Jäger relativ schwierig ist, einen Einblick in diese umstrittene Welt zu erhalten, sagte ich sofort zu. Bereits länger geisterte eine interessante Bildreportage über die Jagd in meinem Kopf.  Bewaffnet mit meiner Kamera startete ich am Morgen des 7. Septembers 2017 das Experiment „Pirsch mit der Kamera“.

Der Tag startete früh. Bereits um 5 Uhr trafen wir uns im noch schlafenden Dorf Malans, das wie gemalt zwischen unzähligen Rebbergen in der Bündner Herrschaft liegt. Dort traf ich meinen Freund Roman, von dem ich eingeladen wurde. Mit noch etwas müden Augen begrüsste er mich in voller Jagdmontur vor seinem Elternhaus. Flüsternd schritten wir weiter Richtung Dorfkern, wo wir auf seine beiden Brüder warteten. Roman wirkte absolut ruhig und zündete sich seine erste Zigarillo an. Flüsternd erzählte er mir von seinem Plan, welcher er zusammen mit seinen Brüdern für heute ausgeheckt hatte. Ich war überrascht, dass uns eine Treibjagd bevorstand. Denn Treibjagden brachte ich immer nur mit dem Unterland – zum Beispiel mit dem Kanton Aargau – in Verbindung. Dabei stellte ich mir diese Technik mit zähnefletschenden Hunden und gehetztem Wild ziemlich brutal vor. Die Treibjagd, korrekterweise Drückjagd genannt, welche ich an diesem Tag kennen lernen durfte, hatte mit dieser Vorstellung nicht viel zu tun. Denn anstelle der Hunde waren wir es, die das Wild treiben sollten: Durch unser Auftauchen im ruhigen Wald sollte das Wild beunruhigt werden. Dabei sollten die Tiere nicht in Panik gebracht, sondern lediglich zu einer ruhigen Flucht auf bekannten Wechseln veranlasst werden.

Beim Dorfplatz gesellten sich nun auch die beiden Brüder Flurin und Gian-Reto zu uns. Es war noch dunkel und unter dem Mantel der Dunkelheit besprachen die drei Männer in Grün, wie sie sich aufteilen sollten, damit es ein erfolgreicher Tag werde. Gespannt lauschte ich, verstand jedoch nicht alles. Ich konnte folgern, dass wir von unten zu viert von zwei Richtungen den Berg hinaufklettern sollten und weiter oben zwei andere Jäger bereits mit ihren Gewehren warteten. Die genauen Stellen hatten alle spezifische Namen, wodurch ich mir keinen Plan machen konnte, wovon sie genau sprachen, oder in welchen Distanzen sie dachten. Jedes Bachbett, jedes Tobel oder jede Lichtung besassen bestimmten Namen. Rasch begriff ich, dass sich diese Jungs sehr gut auskennen mussten, denn allen waren diese fremd klingenden Wörter ein Begriff. In weiteren Gesprächen erklärte mir Gian-Reto, dass er während dem ganzen Jahr am Malanser Hausberg wandern gehe. So entdecke er immer wieder neue Orte in ihrem Jagdgebiet. Bereits als Kinder erkundeten sie ihre Heimat immer weiter und weiter. Dieses geografische Wissen war in diesem Moment immanent wichtig für die Planung und die Kommunikation. Weiter sprachen sie vom Wetter, von irgendwelchen grossen Hirschen und immer wieder vom Wind. Später lernte ich, wie wichtig die Windrichtung ist, denn anscheinend riecht das Wild Menschen bereits von sehr Weitem.

Der Plan war gemacht und schon war ich wieder alleine mit Roman unterwegs. Wir bewegten uns ostwärts aus dem Dorf und sollten dann ein anderes Tobel als Flurin und Gian-Reto hochsteigen, um das Wild von zwei Seiten in die Höhe zu treiben. Nach wenigen Schritten trafen wir auf einen älteren Herrn in Tarnanzug. Offensichtlich handelte es sich um einen weiteren Jäger, der mitten in den Reben mit seinem Fernglas Ausschau hielt. Roman begrüsste den bekannten Jäger und sofort kam es zu einem angeregten Gespräch, während dessen er uns auf dem Smartphone unterschiedliche Wildfotos zeigte. Dieser Mann schien sich auch ausserhalb der Jagdsaison stark für Wildtiere zu interessieren. Er präsentierte uns immer wieder neue Bilder derselben Wildtiere, welchen er Namen gab. Ich fragte ihn, wie er all diese unterscheiden könne. Lachend fragte er mich, wie ich denn Menschen voneinander unterscheiden könne. All diese Tiere seien einzigartig und hätten auch unterschiedliche Charaktere wie wir Menschen. Ja, dieser Jäger mochte Wildtiere; sie faszinierten ihn so sehr, dass er bei jeder Witterung und Jahreszeit mit seiner Kamera Ausschau nach ihnen hielt – das verrieten all diese Fotos, die während strömendem Regen oder frischem Schneefall entstanden sind. Doch warum jagte er sie dann. Eine Frage, die sich viele Menschen stellen könnten. Denn das Bild der Jagd ist ein umstrittenes, vor allem in urbanen Gebieten. Die urbane Bevölkerung hat wenig Bezug zur Natur, ist unzureichend oder schlecht informiert und lehnt deshalb das Weidwerk ab. Wenn die Jagd positiv beleuchtet wird, dann höchstens aufgrund der köstlich zubereiteten Wildgerichte. Generell begegnet die Öffentlichkeit den Waidmännern mit ihrem uniformen Auftreten mit grosser Skepsis. Rasch bemerkte ich, dass auch unter der grünen Zunft ein gewisses Misstrauen gegenüber Fremden herrscht. Edi, der ältere Fotograf und Jäger, fragte Roman auch bald, ob ich ein Paparazzo sei, weshalb ich Fotos schiessen wolle und was genau ich denn mit der Kamera einfangen möchte. Roman erklärte ihm, dass ich ein Schulfreund sei und als Fotograf eine Bilddokumentation zum Thema Jagd machen wolle. Edi nickte, seine Skepsis mir gegenüber blieb jedoch anfangs noch bestehen. Er musste Angst davor gehabt haben, dass ich möglicherweise ein Journalist aus Zürich war, der das Weidwerk mit seinem urbanen Blick in den Dreck ziehen wollte – einmal mehr. 

Nun war ich Mittendrin. Ich merkte, dass ich als Nicht-Jäger unter Jägern Misstrauen weckte. Denn  die Jagdkritik der urbanen Bevölkerung und der Medien löst bei den Jägern Skepsis gegenüber fremden Journalisten aus. Sie sind es satt, negativ in den Medien zu erscheinen. Oft wird über diese Gruppe, die einem halben Prozent der Schweizer Bevölkerung entspricht, schlechter berichtet als über andere Vereinigungen in dieser Grösse. Aufgrund einiger schwarzer Schafe innerhalb der Waidmänner muss die Mehrheit regelmässig gegen abträgliche Schlagzeilen und ein angeschlagenes Image kämpfen. Da ich Edi’s Vertrauen dank Roman gewann, liess sich dieser auch nicht weiter ablenken und liess sein Blick weiter durchs Fernglas schweifen. Plötzlich starrte er mit grossen Augen in die Weinberge, wurde aufgeregt und rief Roman mit einer Handgeste zu sich. Ohne etwas zu sagen, griff Roman zu seinem Gewehr und schlich zu Edi. Ich begriff, dass hier plötzlich etwas passieren würde. Eigentlich erwartete ich, dass sich die Jagd im Wald abspielen würde, nun standen wir aber mitten in den Reben. Ich griff zu meiner Kamera und montierte rasch und möglichst leise mein 85mm Objektiv. Kaum war das Objektiv eingerastet, fotografierte ich. Wenige Sekunden später fiel der Schuss. 

Beide Jäger verharrten in derselben Stellung und Edi sagte: „Gebt dem Tier einen Moment.“ Roman zündete sich mit zitternden Händen eine Zigarillo an und grinste mich an. Wir schwiegen alle. Ich wusste nicht, ob er getroffen hatte oder nicht. Roman brach das Schweigen dann aber und sagte, dass wir das Tier während seiner letzten Sekunden alleine lassen sollten. Durch sein Fernglas sah ich, wie ein Fellklumpen mit verrenktem Kopf in den Reben hing. Weiter erklärte er mir, dass die Tiere trotz des Schusses durchs Herz einige Sekunden lang weiterleben und noch einen Sprung machen könnten. Als Tierarzt kannte er sich in solchen Fragen aus. Schon seit seiner Jugend interessierte er sich für die Medizin und das Wohl der Tiere.

Ein Tierarzt und ein tierliebender Wildtierfotograf schossen gerade einen Rehbock. Da musste doch einfach mehr hinter der Jagd stecken als blosse Rummballerei, Trophäensammlerei und Betrinkerei. Ich kenne Roman und weiss, dass ihm viel an der Natur und dem Wohlergehen der Tiere liegt. Er sagte mir später, dass die Erhaltung des vorgegebenen Wildtierbestandes sehr wichtig sein. Nicht nur für den Wald und damit die restlichen Tiere, sondern auf für die Wildtiere selber. Da der Mensch ihren Lebensraum immer mehr für sich beansprucht, muss er nun selber für einen Ausgleich sorgen. Die Wildtierpopulationen können sich zwar auch selber regulieren – allerdings geschieht das über dramatische Wintersterben infolge Verhungern der Wildtiere. Macht es da nicht viel mehr Sinn, die Bestände stabil zu halten und ihr wunderbares Wildbret als natürlichstes aller tierischen Lebensmittel geniessen zu können. Mit einer ausgeklügelten, modernen Jagdplanung klappe es seiner Meinung nach auch sehr gut die Bestände auf einem gesunden Niveau zu halten. Und die Jäger bezahlen nicht nur für ihr Patent, sondern leisten in der Schweiz auch gemeinnützige Naturschutzarbeit von circa 260‘000 Stunden jährlich. Durch ihre Gebühren kann in Graubünden auch die wichtige Arbeit der Wildhüter komplett getragen werden. Zudem kennen die Jäger ihre Jagdgebiete gut und können dadurch entdeckte Mängel rasch melden. Dank der vielen Auflagen kann auch dafür gesorgt werden, dass nur wirklich ambitionierte Interessenten jagen dürfen. Weiter drohen hohe Strafen bei Verstössen, die von Geldbussen bis Patentenzug reichen.

Beim Nähern mass Edi gleich das Geweih des Rehbocks, um die Rechtmässigkeit des Abschusses zu bestätigen und gratulierte Roman zum präzisen Schuss. Während der 21-tägigen Hochjagd in Graubünden ist sehr streng reglementiert, welche und wieviele Tiere überhaupt geschossen werden dürfen, um die festgelegten Abschusspläne zu erfüllen. Das Alter der Tiere wird unter anderem am Gebiss gemessen. Roman bat mir und Edi einen Schluck Schnaps aus seinem Flachmann an. Er strahlte. Mit Würgen schluckte ich das unübliche Frühstücksgetränk herunter und konnte kaum glauben, dass nach genau 47 Minuten bereits das erste Tier geschossen wurde. Noch beim Packen in Zürich hatte ich mich auf stundenlanges Warten in getarnter Kleidung in der Kälte eingestellt und nun so was.

Langsam wurde es heller und Edi verabschiedete sich bei uns. Roman schleppte darauf den Rehbock mit grosser Anstrengung durch die Reben auf eine Waldlichtung etwas weiter ausserhalb des Dorfes. Er wollte nicht, dass zufällig vorbeilaufende Spaziergänger ihm beim Ausnehmen zusehen. Mit einem Lederriemen band der glückliche Schütze die Beine des immer noch warmen Tieres zusammen, damit er das Gewicht auf seinem Kopf gut über mehrere Hundert Meter tragen konnte. Der getötete Rehbock hing schlaff an Romans Stirn und aus seinem Mund floss Blut.

Am angepeilten Ort angekommen, packte Roman seinen Rucksack aus und machte das Tier zum Ausnehmen bereit. Spätestens jetzt bemerkte ich eindeutig, dass er Tierarzt war. Jeder Schnitt war präzise. Er schnitt mit seinem Messer die Innereien aus dem Innern des Tieres heraus, als hätte er ein Skalpell zur Hand gehabt. Die Eingeweide wurden für andere Tiere in der nahen Hecke liegen gelassen. Es war interessant von Roman zu erfahren, wie das gesamte Tier anschliessend verwertet wird. Während ich mein Objektiv wechselte, sprach Roman die Eingeweide herausnehmend mit dem toten Rehbock und bedankte sich bei ihm. Mit weit aufgerissenen glasig-toten Augen blickte das Tier mich an – ein bizarrer Moment. Um dem Rehbock die letzte Ehre zu erweisen, suchten wir darauf gemeinsam nach dem letzten Biss. Diese Tradition – auch Bruch genannt – wird in der Ausbildung gelehrt. Ich verstand davon nicht viel, sah aber, dass Roman dem Tier Zweige zwischen die Zähne und auf die Einschussstelle legte und einen Blumenstrauss pflückte, um den Kadaver zu schmücken. Wie ich in weiteren Gesprächen lernte, werden die angehenden Jäger theoretisch und praktisch geschult. Nebst der Einweihung in traditionelle Bräuche wie dem Bruch eignen sich die Jagdaspiranten auch theoretisches Wissen über Wild, Natur, Hege, Jagdhunde, gesetzliche Bestimmungen, die Jagdausübung und die Waffenkunde an. Im praktischen Teil erlernen die Jungjäger die Waffenhandhabung und müssen eine Schiessprüfung bestehen. Anschliessend begleiten die jungen Waidmänner oft erfahrene Kollegen und leisten Hegearbeit.

So lernte ich also von Roman, dass für den Bruch nur Eiche und Weisstanne in Frage kommen. Gemeinsam suchten wir nach den geeigneten Bäumen. Ich fragte mich, ob Roman sich diese Mühe für die letzte Ehre auch machen würde, wenn ich nicht dabei gewesen wäre. Aber so wie ich es später an diesem Tag miterlebte, machen das alle so. Behutsam legte Roman den Rehbock auf die Wiese und posierte für mich. Eben noch sah ich ein blutverschmiertes totes Tier, welches dem Menschen mit glasigem Blick jämmerlich zu Füssen lag. Für eine Fotografie und den Transport nach Hause wurde der Rehbock aber geputzt und mit Eichblättern und einem Blumenstrauss würdig präsentiert. Beim Auslösen des ersten Bildes spürte ich, dass ich einen wichtigen Moment festhalten durfte und postwendend war das blutige Werk von vorhin vergessen.

An den Beinen zusammengeschnürt buckelte Roman seine Beute zurück ins Dorf, wo er es bei seinen Eltern im Keller lagern wollte. Er wollte sich beeilen, damit nicht allzu viele Schaulustige ihn mustern konnten. Laut ihm sei in diesem Dorf längst nicht jeder gut auf die Jagd zu sprechen. Noch auf dem Retourweg erhielt er ein Telefon von einem der zwei anderen Jägern unseres Teams. Roman hielt inne und riss seine Augen weit auf, nachdem er die schreiende Stimme des Anrufers endlich verstand. „Es ist aufgegangen, unser Plan hat funktioniert“, sagte mir Roman darauf mit begeisterter Stimme. Anscheinend hatte Jürg, der Jäger, welcher bereits oben auf seinem Posten wartete, Erfolg gehabt. Ein grosser Hirsch, welcher von Romans Brüdern hochgetrieben wurde, sei exakt an der Stelle vorbeigerannt, wo man ihn vermutet hatte. Nun war unsere Hilfe oben am Berg gefragt. Rasch brachte Roman seine erste Beute nach Hause, damit diese nicht zulange der Sonne ausgesetzt war. Anschliessend wurden wir beide von zwei älteren Jägern aus Malans mit einem Jeep abgeholt, welche uns auf den Berg bringen sollten. Die Fahrt dauerte länger als ich angenommen hatte und die Strasse wurde allmählich zu einem Trampelpfad. Hier irgendwo musste der glückliche Schütze mit seinem riesigen Hirsch stecken. Es war still hier oben und Romans Handy schien keinen Empfang zu haben. Da er aber der Drahtzieher für diesen Plan war, wusste er genau, wo wir suchen mussten. Tief in einem Bachbett unten sahen wir den Gesuchten dann auch endlich. Die menschliche Gestalt von Jürg, dem Schützen, schien geradezu klein im Vergleich zum mächtigen Hirsch, welcher tot im Bachbett lag. Noch nie zuvor hatte ich so einen mächtigen Hirsch so nahe gesehen. Überglücklich begrüsste uns Jürg und nachdem meine Anwesenheit mit der Kamera dank Roman geklärt war, packte Roman an. Er ist unter den Jägern für seine präzisen chirurgischen Schnitte bekannt. Erneut wurde es blutig und ich wunderte mich, wie viel Eingeweide in diesem Hirsch zum Vorschein kamen.

Bald schon stiessen die beiden Brüder nass vor Schweiss zu uns. Überglücklich begrüssten sie einander mit den Worten: „Waidmanns Heil.“ Immer wieder lobten sie den erfolgreichen Plan, den noch diesen Morgen alle etwas wehmütig belächelt hatten. Mit vereinten Kräften schleppten wir dieses gewaltige Tier von 130 kg das steile Tobel hoch. Das war der anstrengendste Teil des Tages und ausser einigen Fotopausen half auch ich mit, dieses wuchtige Tier möglichst ohne Prellungen zum Auto zu schleppen. Das Jagdglück hing förmlich in der Luft und obwohl sich die Waidmänner Schrammen und Schürfungen einfingen, strahlten sie alle. Schweissnass suchten wir anschliessend erneut die passenden Tannenzweige für den Einschuss und den Mund des Tieres. Ich fragte, ob ich ein Trophäenbild schiessen durfte, was gleich alle begrüssten. Dank meiner Mitarbeit und vor allem dank Roman war ich plötzlich ein kleiner Teil von ihnen. Ich merkte, dass ich nun die Jäger in unterschiedlichen Momenten festhalten durfte, ohne dass ich mich erklären musste. Dies ist ein schöner Moment als Fotograf, da man plötzlich ein Teil der Szenerie wird, die abfotografiert wird. So entstehen meiner Meinung nach auch die besten Bilder: Sie scheinen das Geschehen aus nächster Nähe unmittelbar wiederzugeben, und zwar so, als wäre der Bildbetrachter am Geschehen beteiligt. Sorgfältig wählte ich einen passenden Ort für das Gruppenbild und löste dann behutsam einige Male aus. Was für ein toller Moment, dachte ich. Und nun war ich derjenige, dessen Hände beim Auslösen fast zitterten.

Zusammen mit Roman und Jürg auf dem Anhänger neben dem toten Hirsch kauernd, fuhren wir zur Jagdhütte. Erneut spürte ich eine besondere Nähe, da ich den Hirsch riechen konnte und überrascht war, wie viele Hirschlausfliegen und Zecken sich vom Hirschfell lösten, um sich einen neuen Wirt zu suchen. Immer wieder blickte ich in die Augen des Hirsches und fragte mich, was er wohl noch in seinen letzten Sekunden mitbekommen hatte.  

In der Jagdhütte angekommen, vereinbarte Jürg mit dem Wildhüter für den Nachmittag einen Termin, um die Tiere vorbeizubringen. Diese werden dort kontrolliert, gewogen, ausgemessen und in der Statistik eingetragen. Nach einer reichhaltigen Jägersmahlzeit aus Salsiz, Brot und Käse, brachte Gian-Reto auch noch seine Rehgeiss, die er am vorigen Tag erlegt hatte, zum Anhänger. Zusammen mit der reichen Beute machten wir uns auf zum Dorfplatz und zur Primarschule in Malans. Dieser wuchtige Fang wurde gefeiert und den Schulkindern sowie anderen Schaulustigen feierlich präsentiert. Gemeinsam in der Gruppe fühlten sich die Jäger den kritischen und verachtenden Blicken der Jagdkritiker gewachsen. Die Kinder des Hirsch-Schützen waren besonders stolz, hatten dennoch Respekt vor den tot daliegenden Tieren und wagten sich deshalb nicht ganz nahe heranzutreten. 

Nach diesem feierlichen Akt machten wir uns auf ins Prättigau, wo die Tiere dem Wildhüter präsentiert werden mussten. Erneut wurde ich kritisch begrüsst und durfte erst fotografieren, nachdem Roman sich für mich eingesetzt hatte. Nach all dem, was ich bereits nach diesen wenigen Stunden erlebt hatte, würde ich nicht auf die Idee kommen, schlecht über die Jagd zu schreiben. Und noch am selben Abend in der Jagdhütte von Roman und seinen Brüdern hoch über Malans schwor ich mir, dass ich einen Bericht dazu verfassen möchte. Obwohl ich Bilder hatte, die für sich sprachen, entschied ich mich, das Erlebte auch in Worte zu fassen. So sollten auch Menschen einen Einblick in die Welt des Jagens bekommen, die keine Gelegenheit haben, die Jagd aus dieser Perspektive zu erleben. Durch das fehlende Einfühlen in die Welt der Jagd entsteht der gegen die Jäger gerichtete Hass, dem ich als Student in Zürich häufig begegnet bin. Er kommt durch die mediale Zurschaustellung einiger weniger Idioten, die schlimme Jagdverstösse oder gar Verbrechen begehen, zustande. Es scheint mir dadurch verständlich, dass durch solche Berichterstattungen die Jagd als barbarische Folklore verstanden werden kann. Dies hat allerdings nichts mit dem zu tun, was ich erleben durfte. Es fehlt meiner Meinung nach an gut recherchierten Jagdberichten, die den Weg an interessierte junge Menschen in der Stadt schaffen. Dieser Blogeintrag sollte ein kleiner Versuch sein, den Blick auf die Jäger zu richten, die sich für die Natur einsetzen, die Tiere lieben und bereit dafür sind, ihren Teil dazu beitragen, den unterbrochenen Kreislauf der Natur wieder ein wenig auszugleichen. Während einiger Tagen durfte ich einen tiefen Einblick in die Jagd erhalten, aufgeschlossene und interessante Menschen kennen lernen und vor allem erkennen, dass die Jagd durchaus sinnvoll ist.

Ich möchte mich hiermit bei all den Jägerinnen und Jägern bedanken, die sich respektvoll, mit gutem Gewissen und rücksichtsvoll in der Schweiz betätigen!

 

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